Zeitreise: Einmal hin und ins Jetzt

Heute war ich da. Im Kunstraum Bethanien. „BORN IN THE PURPLE“ ist die aktuelle Ausstellung des Künstlers Viron Erol Vert. Eine Auseinandersetzung mit dem was war und ist, in der Türkei, in Istanbul, längs familiärer, politischer und gesellschaftlicher Geschichte.

Zunächst leuchtet es mir grün, in dem langen hohen Flur des Bethanien, auf dem Weg zu der Ausstellung, entgegen. Im Pförtnerhäuschen erwartet mich eine „Vorab-Installation“. Schwarz dominiert, angeordnete Blumengebinde, Grußkränze, so, wie ich sie von dem Blumenladen auf der Ecke Adalbert-Oranienstraße und zu jeder türkischen Eröffnung eines Ladens oder Projektes kenne. Nur, diese Blumen sind verdorrt, trocken, tod und das Bild ähnelt eher einer Bestattung. Der Titel: „Wie glücklich wer sich Türke nennt!“. Ich fühle Trauer und Betroffenheit aufsteigen und denke schade, dass ich nicht zur Eröffnung da sein konnte. Ein Fernseher und zwei Mikrophone in dem kleinen Raum lassen erahnen, dass Viron hier seine performative Seite gezeigt hat.

Viron Erol Vert, Jahrgang 75 lebt und arbeitet in Berlin und Istanbul. Mit Abschlüssen der Textil- und Flächendesign Hochschule Weißensee, der UdK Berlin und der königlichen Akademie Antwerpens verfügt er über ein breites Spektrum um seiner forschenden Künstlernatur Ausdruck zu verleihen. Skulptur, Video- und Sound-Installation, Performances. Er pendelt zwischen den Städten und so wird auch seine Ausstellung zu einer Art Reise ins Purpurne… und Grüne.

Nach der Begrüßungsinstallation am Pförtnerhäuschen darf sich der/die Betrachter*in den Weg im Inneren wählen: Nach rechts auf eine Video-Installation zu oder geradeaus. Ich wähle geradeaus und folge dem Klang eines blechernen Brunnens und dem grünen Licht. Zuvor werde ich gebeten die Schuhe auszuziehen. Zum Glück ist es heiß und die Flipflops sind schnell weg. Das Kunstwerk liegt den betrachtenden Besuchern nun zu Füßen. Ein Teppich aus vielen Print-Teppichen. Zum schwarz und rot, was dominiert, gesellt sich etwas grün und blau. Bilder von Portraits, umsäumt mit Herzen, Rosen, Schiffssymbolen, wie Taue, Kompasse und Anker. Untermalt mit dem unablässigen plätschern, des quadratisch in der Mitte platzierten schwarzen Springbrunnen, dessen Fontäne blechern auf eine Spülamatur trommelt. Der Raum ist groß und entschleunigt. Am Ende der Blick auf den nächsten: Ein riesiger ominöser grauer Vorhang, mit Troddeln und aus schön geschwungenem Samt hängt dort. Ein Austellungsstück, wie vergessen, zu einer anderen Zeit, zu einer anderen Tür, zu einer anderen Geschichte. Nur der alte Kaufbeleg an der Wand, auf Türkisch, zeugt von seiner Herkunft.

Ich gehe weiter stehe vor einer purpurnen Nische. Warm und doch sonderbar türmt sich vor mir nicht der Turm zu Babel, sondern ein Turm aus verschiedensten kleinen dunkeln Holztischen, bestückt mit kleinen geheimnisvollen Holzschatullen auf. Geschichten wollen dort hinausschlüpfen, Geheimnisse vielleicht gelüftet werden. Nur eine Schatulle ist geschlossen, die oben aufliegt und so den Turm bewacht.

Ich wende mich dem nächsten Raum zu und sehe ein riesiges schwarzweiß Foto. 1973 steht darunter, eine Frau darauf ist gekennzeichnet, vielleicht Virons Großmutter? Es ist lebendig, eine Scene im öffentlichen Leben, im Restaurant oder einer Bar? Lachen, Freude, Essen und die obligatorische Bauchtänzerin. Ein anderer längst vergangener Beat klingt in mir an. In meinem Rücken eine beachtliche Restaurant-Karten-Sammlung. Designs aus den End 60ern und immer wieder die Familie auf Fotos dazwischen eingeklebt: Lachend, mal kritisch, in öffentlicher Gesellschaft in Istanbul. Kopftücher? Fehlanzeige. Viron stammt aus einer griechisch orthodoxen Familie, mit arabischen Einschlag und armenischer Tante. So sind die Familien Bilder einerseits ganz  privat und doch schmerzlich symbolisch für die sich verändernde Gesellschaft.

Ich folge nun dem roten Teppich in den schwarzen Video-Installations-Raum. Ein Knoten, vielleicht aus Blumenpapier, ist als Animation zu sehen. Zwei Kettchen, pink und grün, ähnlich wie Gebetskettchen umtanzen diesen spiralartig. Sie werden regelrecht zur DNA, die diesen Knoten gar befruchtet. Ein Loop. Dazu feine Klänge und der Gesang einer Frau. Tief hypnotisch, so hypnotisch wie der Brunnen, der immer noch den Regen von tausenden Wellblechdächern erzählt.

 

Auf dem Rückweg begegne ich Jolande und Mafalda in groß, den Püppchen der Großtante. Zwischen ihnen einzig und allein ein leeres Salz und Pfeffer oder Essig und Öl Körbchen zum Denkmal emporgehoben. Sie ebenen den Weg  zur neonbeleuchteten, pulsierenden „Döner Fleisch Bereitung“ Video-Installation. Und auch hier ist der Sound wieder hypnotisch, fast sakral, pulsierend im Atemfluß. Die Videos, teils im Zeitlupentempo abgespielt, wie in einer Beobachtungskanzlei arrangiert und doch so klein, dass das Genaue nicht so genau betrachtet werden muss. Viel rot und weiß bleibt hängen, zudem irgendwann entstehenden Doppelbild der Gesamtinstallation, zur industrialisierten Fleischverarbeitung.

 

Ich laufe nun den Flur wieder hinunter, direkt der  Videoinstallation, bei der Virons Hände einen weißen Stoffknoten binden und wie zu einer Fliege falten, in die Arme. Wieder wende ich mich und betrete die Installation: „Die Armenierin in der Küche, eine Griechin im Bett.“ Auf der Säule ein kleines goldenes Bambi bei der Mutter säugend, auf dem Boden ein riesiger Bambikopf – kopflos- und eine Leber, vielleicht. Der Raum ist purpur ausgeleuchtet.

So ist das goldene Glück am Boden doch anders zu betrachten, denke ich und wandere weiter auf den grünen Raum am Ende des Flurs zu. Ein paar Füße mit Waden dran stehen da nun, in Gold, vor einer Säule. Wie ein paar abgestellte Gummistiefel und an der Wand die Markierungsnägel, welche den Körper zu den Füßen erahnen lassen…. Neongelb beschriftet lese ich Limonu. Dahinter ein gesenkter Augenschlag in voller Tuchlänge… eine Foto-Printinstallation.

Nach all diesen Eindrücken trete ich den Rückzug an. Ich erinnere mich einen Samowar gesichtet zu haben. Noch einmal darf ich die Schuhe ablegen versinke in grünem Flauschteppich , bereite mir meinen Tee, es gibt sogar eine Anleitung, wähle mir einen Platz im grünen Salon mit den Kronleuchtern und einer Bibliotheksauswahl an Literatur rund um die Türkei und Istanbul. Kunst, Kochen, Soziologie bis Sprichwörter, für jede*n ist doch etwas dabei. Ich lasse es andächtig auf mich wirken. Geniese den Tee und freue mich, freue mich auf ein nächstes Wiederkommen.

Später lese ich die Zeitung, die eigens für diese Ausstellung gestaltet mit Texten von Viron ausgestettet im Foyer ausliegt und denke: Ja ich bin gereist, zwischen dem damals und dem jetzt. Jetzt sehe ich den Knoten auf dem Titel  wie ein geknotetes Betttuch, welches zur Flucht helfen kann. Das dazu gehörige Programm Heft enthält aufgeklappt noch eine Überraschung und von Film zu Diskussion bis DJ Abend und Essen, es steht noch einiges an, in Kooperation mit dem Pophyra Club, was zu dieser absolut empfehlenswerten Ausstellungs-Reise zu erleben ist.

„BORN IN THE PURPLE“ ist noch bis zum 27. 08. 17 im Kunstraum Kreuzberg, Bethanien  zu sehen.

Weitere infos auch unter: http://www.kunstraumkreuzberg.de/

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