Die Rosenblüten des Monsieur Jafar

Der Tag eines marokkanischen Kräuterhändlers

Traditionelle Gewürze und Heilkräuter erhält man in Marokko auf dem Markt, dem Souk. Die Händler kennen die Anwendung der Kräuter in der Küche und geben Rat bei allerlei Beschwerden. Monsieur Jafar ist einer von ihnen.

Es ist noch früh am Morgen, die Hunde bellen und die Katzen begeben sich am Fischmarkt in Position. Auch Monsieur Jafar macht sich bereit und fegt seine zukünftige Verkaufsfläche. Dazu benutzt er seinen kleinen Palmwedelbesen und anschließend sprenkelt er etwas Wasser über die Steine. Sein Laden ist eine kleine Straßenecke in Taghazout, einem Fischerdorf im Süden von Marokko.

Monsieur Jafar, der lieber nur Jafar genannt wird, ist nicht mehr ganz der Jüngste. Sein Gesicht weist ein paar Fältchen auf, manche vom Lachen, manche hoffentlich nur vom Klima, denn die Sonne, der Wind aus der Sahara und die salzige Luft des ständig tosenden Atlantiks zeichnen die Menschen hier.

Sein Vater und sein Großvater hatten ebenfalls einen Kräuterladen, erzählt er gerne und so half er schon von Kindesbeinen an mit im Kräutergeschäft. Später wurde es traditionell vom Vater an den Sohn weitergereicht. Tatsächlich hatte der Vater wohl früher Ladenräume in Agadir, in der nahen Stadt, aber Jafar hat es nach Taghazout gezogen. Dort ist er einer der letzten Marktverkäufer, denn den „Wochen-Souk“ gibt es seit 2017 nicht mehr im Dorf.

Taghazout erlangte in den 70ern Hippieruhm, angeblich spielte Jimi Hendrix am Strand. Inzwischen von internationalen Surfern entdeckt und bei den Städtern zum Badeausflug sehr beliebt, steigen die Grundstückspreise und vieles verändert sich. Nur Jafars „Laden“ liegt weiter an der gleichen Straßenecke, am alten Marktplatz, gegenüber von der Bushaltestelle, zwischen einem Durchgang zum Arganölhändler und einem Imbiss mit duftenden, gebratenen Fischsandwich und frisch gepresstem Orangensaft.

Noch sind seine Schätze in Plastikboxen verschlossen, die er all morgendlich, auf der Verkaufsfläche aneinander reiht. Er hat eine klar strukturierte und immer gleich bleibende Anordnung, so wie im Supermarkt, da finden sich auch alle zurecht, weil alles am gleichen Platz steht. Wenn er dann die Deckel lüftet treten die Farben und Düfte in Erscheinung. Ganz rechts außen platziert er den kristallenen Alaun und die hellbraune Heilerde. In der vorderen Reihe finden sich leuchtend gelber Safran, oranges Curcuma, heller Ingwer, braunroter Zimt und grünliches Kumin. Dahinter die Blüten und Blätter der Rosen, Malven, Verbene, Kamille und anderen landeseigenen Besonderheiten, wie eine Wurzel zum Abnehmen und welche zum Zähneputzen. Seine wunderschöne alte Waage mit zwei leuchtend orangenen Plastiktellern als Waagschalen steht ganz links. Wenn sein Stand fertig aufgebaut ist bemisst er etwa zwei Meter Länge und einen halben Meter Tiefe und schmiegt sich entlang einer türkisblau getünchten Hauswand.

Jafar verkauft nur einheimische Kräuter. Woher seine Kräuter kommen weiß er genau, er geht sie zwar nicht selbst sammeln und bekommt sie geliefert, aber die Anbau Regionen kennt er und er hat auch schon die eine oder andere besucht. Der Alaun, sagt er, ist aus der Sahara, die Rosenblüten aus der Provinz El Kelaa, die Minze aus der Region Marrakesch, der Ingwer und die Verbene aus dem Atlas. So liegt ihm täglich das ganze Land zu Füßen und die Touristen und Einheimischen können sich daran erfreuen.

Die ersten potentiellen Kunden ziehen von der Bushaltestelle, auf dem Weg zur Strandpromenade, an ihm vorüber und er begrüßt sie freundlich. Für die Schüchternen bietet er schon abgepackte Kräuter in einer Tüte an. Die einzelnen Bestandteile sind sorgfältig auf einander geschichtet und so kann genau erkannt werden was die Mischung bereithält. Der erste Verkauf am Morgen ist immer etwas Besonderes, er bringt das Glück für den restlichen Tag, so will es das eherne Sprichwort der fliegenden Händler. Die Touristinnen sind interessiert. Im Sortiment sind die traditionellen Schminkutensilien der Marokkanerinnen, tönerne Schälchen mit der roten Lippenschminke und schwarzes Kajalpulver in Röhrchen oder kleinen feinen hölzernen Fläschchen abgefüllt, mit einem Hauch von 1000 und einer Nacht. Eigentlich kaufen das nur noch die Alten oder halt die Touristinnen, die jungen Marokkanerinnen ziehen meistens moderne Produkte vor, stellt er fest.

Bis vor kurzem gab es neben den Kräutern lebendige kleine Landschildkröten und grüne Chamäleons zu kaufen, aber dies ist wohl nun doch verboten worden oder er meint ihnen auf jeden Fall nicht genug Platz bieten zu können. Zu Hause hat er Landschildkröten, sie gehören zu einem klassischen marokkanischen Haushalt, wie in Deutschland einst der Dackel.

Wenn Jafar nach seinen Kräutern gefragt wird kommt er auf Hochtouren, die Rose, ja, das ist das Beste und Schönste was es an seinem Stand gäbe. Zu verwenden sei sie als Tee oder als Waschung. Er gibt Empfehlungen, wie bei Magenproblemen unbedingt ein paar Kamillenblüten dazu, bei Schlaflosigkeit den blauvioletten Lavendel. Die Verbene mit ihrem zitronigen Geruch, sie wächst wild in Marokko, helfe besonders zum Schlafen und bei Husten. Wer es genau wissen möchte erhält einen kleinen Kochkurs: Hier ist die Mischung für die Tajine, die traditionelle Tontopf-Gar-Küche aus Marokko und dort ist das Curcuma. Curcuma lobt er in höchsten Tönen. Doch das grünliche Kumin, bei uns als Kreuzkümmel bekannt, ist nun wirklich die absolute Heiligkeit: Es helfe immer und sofort bei verdorbenem Magen. Es soll in Wasser gelöst als Tee getrunken werden. Die Touristen verziehen das Gesicht, er lacht und bekräftigt seine Aussage mit einem: „Is verry good!“ Der Alaun wird gegen das Schwitzen, wie ein Deo verwandt und nach der Rasur um die Poren zu schließen und zu desinfizieren, die sandfarbene Heilerde empfiehlt er als Gesichtsmaske. So hat Jafar den Status der örtlichen „Kräuterhexe“ inne und wird gelegentlich um Rat gefragt.

Die gewählten Kostbarkeiten wiegt er mit der alten Waage und den abgegriffenen Gewichten, deren Zeichen nicht mehr wirklich zu erkennen sind, ab. Eine Blüte getrockneten Anis legt er als besondere Zugabe gern mal obenauf, das sei der traditionelle Zahnstocher erklärt er.

Sein Feierabend wird mit Sonnenuntergang eingeläutet, spätestens wenn der Muezzin ruft ist der Laden zu. Vielleicht noch ein Tee mit Freunden, den „Berber-Whisky“, wie die Marokkaner gern den stark gekochten Minztee nennen, denn Alkohol ist tabu.

Dann macht er sich auf die Heimreise, ins benachbarte Dorf zu seiner Frau und der Tochter um am nächsten Tag wieder zu kommen. Einmal die Woche hat er frei, wann das genau sei wisse er nicht, je nachdem wie es gerade passt antwortet er und lacht dabei.

Sein Name ist übrigens aus dem Süden sagt er und bedeute nichts. Jafar ist einfach bescheiden, auf Namensseiten ist zu lesen es bedeute auf Arabisch Strom, Fluss oder Bach, passend zu seinem Laden, der sich wie ein kleiner farbenfroher Bachlauf aus bunten Kräutern am Boden entlang schlängelt.

Advertisements